Teufelsberg Geschichte

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Spionage und Nazigräuel

Die Berliner Field Station ist ein Spiegel der vielfältigen politischen Wechselfälle nicht nur der Nachkriegszeit

von Richard Rabensaat

Vielleicht ist es „Die Krone von Berlin“. Zwar ist der Teufelsberg seit dem Frühjahr 2015 nicht mehr die höchste Erhebung Berlins1, dennoch prägt seine Silhouette das Bild der Hauptstadt. Die weißen Kugeln der ehemaligen Abhörstation sind weithin sichtbar. Täglich ziehen sie zahlreiche Besucher in ihrem Bann. Das 47.624 Quadratmeter2 große, weitläufige Gelände ist gegenwärtig eine vom Vandalismus der vergangenen Jahrzehnte gezeichnete Ruine. Die Spuren der aufregenden Vergangenheit aber werden dort noch immer auf Schritt und Tritt sichtbar.

Das große wissenschaftliche und öffentliche Interesse am Ort kommt nicht von ungefähr, konzentriert sich doch in der Field Station ein zentraler Aspekt des kalten Krieges: die Spionage. Zwar waren an der innerdeutschen Grenze auf beiden Seiten der Mauer noch weitere Abhörstationen positioniert. Aber die Berliner Field Station war die größte Abhörstation auf deutschem Boden. Mit dem Ende des kalten Krieges im Jahre 1989 endete dort auch der Spiongebetrieb. Die Konfrontation der beiden politischen Blöcke, die vier Jahrzehnte lang das Weltgeschehen bestimmt hatte, löste sich auf. Die bisherigen Betreiber, die alliierten Streitkräfte der Briten und Amerikaner, verließen die Station. Sie gaben im Jahre 1992 das Gelände ihres jahrzehntelangen Einsatzortes an den Senat von Berlin zurück.

Die Geschichte des Teufelsberges begann allerdings lange bevor das Gelände zur Abhörstation wurde.

Im Jahre 1915 war Berlin eine boomende Stadt, die mit einer Einwohnerzahl von 3,8 Millionen eine erhebliche Einwohnerdichte erreicht hatte. Der Magistrat von Berlin beschloss im „Dauerwaldvertrag“ den Grunewald und damit auch das Gebiet des Teufelsberges, als Erholungsfläche für die Berliner Bevölkerung zu sichern.

Wo nun eigentlich für alle Zeiten Bäume hätte wachsen und gedeihen sollen, plante der Diktator Adolf Hitler allerdings nach seiner Machtergreifung 1933 eine neue Hochschulstadt an der Heerstraße. Berlin sollte umgebaut werden zur „Hauptstadt des deutschen Reiches“: „Germania“. Damit einher ging eine erhebliche Vernichtung von Berliner Immobilien und Wohnraum. Ausgleich dafür sollte im Grunewald gebaut werden. Im Zentrum des neu entstehenden Areals plante Hitler den Bau einer Militärakademie, der „Wehrtechnischen Fakultät“. Mit der sollte die nationalsozialistische, militärische Intelligenz konzentriert werden – bzw. erst einmal nachgeschaut werden, ob es eine solche überhaupt gibt.

Den Bau des Fakultätsgebäudes plante der Architekt Hans Malwitz (1891 – 1987). Die Grundsteinlegung fand am 27. November 1937 im Beisein des selbsternannten „größten Führers aller Zeiten“ und seines Lieblingsarchitekten Albert Speer statt. Nach dem Beginn des 2. Weltkrieges allerdings benötigte das „Deutsche Reich“ sämtliche Kapazitäten zur Kriegsführung und verfügte deshalb im Februar 1940 die Einstellung sämtlicher Bauten, die nicht unmittelbar Kriegszwecken dienten. Nachdem ein Drittel der Gebäude Berlins im Krieg zerstört worden waren, häufte sich in der Stadt 1945 eine Trümmermenge von rund 100 Millionen Kubikmeter3. Der Schutt musste entsorgt werden. Das war in Berliner Parks und schon vor dem Krieg bestehenden Abraumhalden nur begrenzt möglich. Nachdem die damals so genannte „Ostzone“ nicht willens war, den Westberliner Schuttberg aufzunehmen, entschloss sich der Senat von Westberlin im April 19504 zur Einrichtung eines „zentralen Restschuttablagerplatzes“5 im Grunewald. Bis zum 11. Dezember 1972 kippten sodann 600 bis 800 Lastkraftwagen insgesamt 26.181.310 Kubikmeter6 Schutt auf. Nachdem diese zunächst relativ planlos abgekippt worden waren, entschloss sich die Stadt mit der fortschreitenden Entstehung des langsam erkennbar werdenden Berges eine detaillierte Landschaftsplanung zu erstellen. So fügt sich der entstandene Schuttberg als Berliner Teufelsberg heute passgerecht in die Silhouette der Berliner Stadtlandschaft.

An dem wachsenden Berg, im Verwaltungsgebiet der Britischen Alliierten Truppen gelegen, zeigten allerdings nicht nur die Briten, sondern auch recht früh die Amerikanischen Alliierten Interesse. In den 60er Jahren kundschafteten die Alliierten mit ersten Antennenwagen versuchsweise, ob und mit welchem Erfolg eine Spionage vom Schuttberg aus möglich sei. Dies erwies sich als recht Erfolg versprechend. Obwohl der Grunewald eigentlich zur britischen Besatzungszone gehört, installierten zunächst Amerikaner und dann auch die Briten verschiedene Antennen zu Spionagezwecken auf dem Berliner Teufelsberg. Als dieser mit der letzten Schuttabladung fertig gestellt war, stand fest, dass die Kuppe des Berges ausschließlich für Abhör- und Spionagetätigkeiten reserviert sein würde. Eigentlich war bei der Errichtung des Schuttberges geplant, auf dem gesamten Berg ein Freizeitareal mit Cafes und Hotel zu errichten. Nun aber waren Rodeln, Ski laufen und andere Freizeitaktivitäten lediglich an den Hängen des Berges auf bis zu 548 Meter langen Pisten möglich. Die gute Eignung des Geländes für Wintersportaktivitäten führte dazu, dass auf dem Teufelsberg im Jahre 1986 ein Weltcup Slalomlauf anlässlich der 750 Jahrfeier Berlins stattfand7.

Bis zum Ende des kalten Krieges im Jahre 1989 diente der Berliner Teufelsberg mit seiner Field Station der Spionage. Mit vier Radomen, in denen sich Satellitenschüsseln drehten und von denen Funksignale ausgesendet wurden, versuchten die westlichen Alliierten den Funkverkehr des Warschauer Paktes, der DDR Behörden und Armeen und der UDSSR und ihrer Soldaten abzuhören. Auch Pläne entsprechende, als feindlich eingestufte, Signale zu stören, existierten.

Wie genau diese Abhöraktivitäten ausgesehen haben und welches Ergebnis sie brachten, wird sich erst zeigen, wenn die entsprechenden Archive der Alliierten nach 2022 geöffnet werden. Denn nach dem Ende des kalten Krieges, bis in das Jahr 1992 hinein, fand die Demontage der Abhöreinrichtungen bei der Field Station statt. Informationen und Material, das auf die Tätigkeit in den vergangenen 20 Jahren hätte schließen lassen, fand sich auf dem Teufelsberg nicht mehr, als das amerikanische Liegenschaftsamt das Grundstuck Teufelsseechaussee 10 im Berliner Bezirk Wilmersdorf der Oberfinanzdirektion Berlin am 26. August 1992 zurück übertrug8.

Nicht zuletzt aufgrund der erheblichen Betriebskosten entschied sich schließlich Land Berlin das Gelände zu verkaufen. Damit befand es sich im zeitgeistigen Trend. Der Berliner Senat privatisierte in den 90er Jahren eine große Anzahl öffentlicher Einrichtungen und Anlagen. Der politische Fehler, den die Regierungsfraktion nicht nur mit dem Verkauf der Field Station beging, sollte sich erst gut ein Jahrzehnt später zeigen.

Die Investorengemeinschaft Teufelsberg GbR (IGTB)9 erwarb 1996 das Gelände und plante dort ein großes Freizeitareal. Hotels, Wohnräume, ein Parkhaus und ein neuer Aussichtsturm sollten entstehen. Die Pläne allerdings scheiterten. Nachdem juristische Einwände aus dem Weg geräumt werden konnten, brach die Finanzierung des Bauvorhabens um die Nullerjahre zusammen. Am 15. August 2005 erließ die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung eine Rechtsverordnung, mit der sie den bisher geltenden Vorhabens- und Entwicklungsplan aufhob10. Damit war und sind private Bauvorhaben auf dem Teufelsberg nicht mehr möglich.

Nachdem das Gelände im Jahre 2006 zu einem „verlassenen Ort“ geworden war, fand eine Ursurpation durch verschiedene Gruppen statt. Diebstahl und Vandalismus zerstörten die noch vorhandenen Anlagen und Einrichtungen vollständig. Erst im Jahre 2010 gelang es dem damaligen Pächter Shalmon Abraham, eine organisierte Struktur und Möglichkeiten zu schaffen das Gelände wieder einem geregelten Besuchsbetrieb zugänglich zu machen. Abraham war es auch, der die größte Graffiti Galerie Europas, die sich auf dem Gelände befindet, initiierte. Im Jahre 2015 verließ Abraham die Field Station, die nun von einem neuen Pächter verwaltet und entwickelt wird.

Aus der Politik sind verschiedene Stimmen vernehmbar, die sich mit einem Rückkauf des Geländes durch die Stadt oder den Bezirk befassen. Einigkeit besteht offensichtlich über die Denkmalswürdigkeit des Geländes und die Notwendigkeit, die noch existenten Hinterlassenschaften des „Kalten Krieges“ als historisches Monument zu erhalten.

Einen vergleichbaren historischen Stellenwert weist vermutlich nur noch die Berliner Mauer auf. Zwar kommt der Field Station gegenwärtig kein Denkmalsstatus zu, dennoch erkennen auch oberste Denkmalsbehörden dessen historische Wichtigkeit an.

Im Rahmen einer geführten Tour haben Besucher gegenwärtig die Möglichkeit, sich einen Eindruck von dem denkmalswürdigen Monument zu machen. Das Land Berlin trägt sich erklärtermaßen mit Plänen, die Station wieder zu einem öffentlichen Ort in Eigentum des Landes zu machen.

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Arkenberge – Arkenberge – Bauschutt halde in Pankow, seit Frühjahr 2015 höher als Teufelsberg vermessen

2 Behling / Jüttemann S. 39

3 Beckmann / Derksen u.a. S. 20

4 Beckmann / Derksen u.a. S. 21

5 Behling / Jüttemann S. 10

6 Beckmann / Derksen u.a. S. 23

7 Behling / Jüttermann S. 17

8 Behling / Jüttemann S. 33

9 Beckmann / Derksen S. 33

10 Beckmann / Derksen S. 34

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